Vielfältiger Erfolg: Innovationstreiberinnen in der Landwirtschaft und in den ländlichen Räumen | von Felicia van Tulder & Susanne von Münchhausen

02.02.2026

Selbstverständlich leisten Frauen entscheidende Beiträge zu Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und in ländlichen Räumen. Doch diese Leistungen bleiben oft unsichtbar. Ein EU-Forschungsprojekt richtet jetzt den Scheinwerfer auf diese Innovatorinnen. Der Blogbeitrag beleuchtet, wie sie zentrale Elemente der im Vierten Gleichstellungsbericht beschriebenen sozial-ökologischen Transformationsprozesse bereits praktisch umsetzen. Dadurch wird deutlich, wie das Innovationspotenzial von Frauen in ländlichen Räumen durch gezielte politische Maßnahmen freigesetzt werden kann.

Das Horizont Europa-Projekt FLIARA (Female-led Innovation in Agriculture and Rural Areas) untersuchte von Anfang 2023 bis Ende 2025 Innovationen von Frauen in der Landwirtschaft und in ländlichen Räumen quer durch Europa. Ziel war es dabei, vor allem die Sichtbarkeit und Rolle von Frauen als Innovations­treiberinnen in landwirtschaftlichen und anderen regional verankerten Unternehmen und Initiativen zu stärken. Im FLIARA-Projekt wird Nachhaltigkeit als Wandelprozess verstanden, der ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen miteinander verbindet und Innovation sowie Gleichstellung fördert. Im Zuge des Projekts wurden politische und praktische Empfehlungen erarbeitet, um das oft ungenutzte Potenzial engagierter Frauen sichtbar zu machen und sie in ihrer Rolle als Innovatorinnen wirksam zu unterstützen. Die FLIARA-Projektgruppe wählte dazu 200 erfolgreiche, von Frauen vorangetriebene Innovationen aus zehn EU-Ländern aus, darunter auch Deutschland. Mittels Befragungen wurden die Erfahrungen und Erfolgsfaktoren für ihre Unternehmen und Initiativen analysiert. Die Untersuchungen ermöglichten es, die speziellen Herausforderungen und Lösungsansätze für Innovatorinnen in stadtnahen sowie entlegenen Regionen zu identifizieren. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen aktive Treiberinnen für eine nachhaltige Entwicklung und wichtige Akteurinnen für die nachhaltige lokale Wirtschaft sind.

Der Vierte Gleichstellungsbericht der Bundesregierung betont, dass die ökologische Krise eng mit sozialen Ungleichheiten verbunden ist, wobei besonders Frauen, einkommensschwache und andere benachteiligte Gruppen betroffen sind. Eine sozial-ökologische Transformation sei nur dann erfolgreich, wenn sie Geschlechtergerechtigkeit als zentrale Aufgabe begreift, Chancen und Belastungen gerecht verteilt und bestehende Ungleichheiten abbaut, statt sie zu verstärken. Neben einem eigenen Kapitel für Landwirtschaft wird die Situation in ländlichen Räumen im Bericht in mehreren Kapiteln thematisiert.

Im Folgenden wird gezeigt, inwiefern die Innovatorinnen des FLIARA-Projekts, die im Gleichstellungsbericht beschriebenen Transformationsprozesse in ihrer Arbeit bereits umsetzen. Anschließend werden vier Politikleitfäden vorgestellt, die Empfehlungen zur Unterstützung der Innovationsbemühungen von Frauen in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum formulieren. Sie beruhen auf den Ergebnissen der deutschen Fallstudien des FLIARA-Projekts. Die Schnittmenge mit den Handlungsempfehlungen des Vierten Gleichstellungsberichts für eine geschlechtergerechte sozial-ökologische Transformation verdeutlicht den bestehenden Handlungsbedarf. Eine gezielte Umsetzung der Empfehlungen könnte das Potenzial von viel mehr frauengeführten Innovationen in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum freisetzen.

Soziale Ansätze erlauben mehr als nur Wettbewerb

Aufklärungs- und Bildungsarbeit
In den Interviews ist in erster Linie die starke Motivation aufgefallen, die die Innovatorinnen eint. Sie wollen die Gesellschaft, beispielsweise die Kund*innen im Hofladen, aktiv über Landwirtschaft und Produktionsprozesse aufklären. Sie alle verbindet die Überzeugung, dass Verbraucher*innen mehr über den Beitrag der Landwirtschaft zum Schutz von Klima, Biodiversität, Wasser und Landschaft wissen müssten. So wollen sie die Nachfrage von Produkten aus nachhaltiger Erzeugung in der Nachbarschaft sicherstellen. Damit übernehmen Frauen eine wichtige Rolle der informellen Bildung für nachhaltige Entwicklung für die Zivilgesellschaft. Über Hofbesuche und pädagogische Angebote vermitteln mehrere FLIARA-Innovatorinnen ein realistisches Bild landwirtschaftlicher Arbeit, ohne diese zu romantisieren oder zu verzerren. Eine landwirtschaftliche Betriebsleiterin nutzt Social Media, um Einblicke in nachhaltige Landwirtschaft zu geben und den Dialog mit vielfältigen Akteur*innen zu fördern. Eine Hotelierin sensibilisiert Gäste in ihrer klimapositiven Pension auf einem alten Hof für die ökologische Hauswirtschaft und bietet konkrete Tipps zur Umsetzung im Alltag. Die Bedeutung solcher Initiativen zeigt auch eine Sozialarbeiterin mit ihrer mobilen Beratungsstelle zu häuslicher Gewalt und Aufklärungsangeboten, mit der sie Informations- und Versorgungslücken im ländlichen Raum schließt.

Tier- und Umweltschutz
Die befragten Innovatorinnen sehen sich und ihre Arbeit als Teil des großen agrarpolitischen und gesellschaftlichen Systems. Viele produzieren nach den Standards von Verbandssiegeln des Ökolandbaus. Sie wollen ihre Möglichkeiten nutzen, um ihren Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit, Tierschutz oder zur lokalen Gemeinschaft zu leisten. Sie kritisieren dominante Produktionsmodelle und setzen auf ökologische, solidarische und tierfreundlichere Alternativen. Genau diese Themen werden auch im Landwirtschaftskapitel des Vierten Gleichstellungsberichts hervorgehoben.

Vier der FLIARA-Teilnehmerinnen gründeten Initiativen für verbesserte Tierhaltung oder zum Schutz von Nutzpflanzen:

  • Eine Rinderhalterin initiierte eine Genossenschaft rund um die mutterkuhgebundene Kälberaufzucht mit regionaler Vermarktung von Bruderkälbern.
  • Eine Veterinärin gilt als Pionierin dieser Aufzuchtform in Wissenschaft und Praxis,
  • Eine weitere Tierhalterin engagiert sich in Ernährungsräten und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL, Mitglied der globalen Bewegung Via Campesina) für die faire Vermarktung von Fleischtieren aus Milchviehbetrieben.
  • Eine Biologin verfolgt einen ethischen Ansatz mit ihrem Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen und trägt so zum Schutz genetischer Ressourcen und landwirtschaftlicher Vielfalt bei.

Führungskultur
Die Interviewpartnerinnen eint ein starkes Selbstverständnis als Leiterinnen ihrer Betriebe und Initiativen. Einige Frauen übernahmen die landwirtschaftlichen Familienbetriebe und etablierten Formen der gemeinschaftlichen Betriebsleitung mit Eltern, Partner oder Partnerin. Sie hoben in den Interviews hervor, dass ihnen die Arbeitsteilung auf Augenhöhe wichtig sei, etwa durch Verantwortung für unterschiedliche Betriebszweige. Viele betonten zudem die Bedeutung gleichberechtigter Mitbestimmung und fairer Entscheidungsprozesse zwischen Leitung, Mitarbeitenden und Kooperationspartner*innen. Soziale Werte schreiben die Frauen oft groß. Sie beschäftigen Menschen mit Behinderungen, helfen Erwerbslosen bei der Weiterqualifikation, unterstützen junge Frauen explizit dabei, neue Arbeitsplätze zu schaffen, und fördern die Vereinbarkeit von Sorge- und Erwerbsarbeit. Die Praxis zeigt, wie divers aufgestellte Betriebe (auch langfristig) erfolgreich und innovativ wirtschaften können.

Linda Kelly führt den Familienhof nahe dem Bodensee gemeinsam mit ihrer Familie auf Augenhöhe und legt besonderen Wert auf den Anbau von Süßlupinen, einer pflanzlichen Eiweißquelle

Regionale Strukturen und Netzwerke
Viele Innovatorinnen erproben und verbreiten ihre Ideen in regionalen Strukturen und Netzwerken, die sie maßgeblich mitaufgebaut oder gestärkt haben. In einem entlegenen Teil Mecklenburg-Vorpommerns gründete eine Teilnehmerin ein biologisches Gemüsebauprojekt zur Selbstversorgung, das inzwischen als Verein von zwanzig Familien getragen wird. Entscheidungen über Planung und Ressourcen werden kollektiv getroffen. Ein Bürgerunternehmen in Form einer landwirtschaftlichen Aktiengesellschaft beruht auf der engen Verknüpfung mit zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Institutionen und stärkt regionale Ernährungssysteme im städtischen Umfeld. Zwei weitere FLIARA-Innovatorinnen betreiben spezialisierte Hofläden in strukturschwachen Regionen und schaffen so Orte der Begegnung, wo sonst kaum Menschen noch einkaufen können. Eine Meisterkonditorin produziert mit einem umgebauten LKW ihre Torten direkt auf landwirtschaftlichen Betrieben – ein mobiles Konzept, das Transportwege reduziert und zugleich die Regionalvermarktung stärkt.

Britta Johannsen zeigt auf der Hallig Langeneß, wie lokale Versorgungssysteme in entlegenen Gebieten funktionieren können.

Fazit
Es gibt viele Wege zum Erfolg und vielfältige Vorstellungen davon, was Innovation bedeutet. Die FLIARA-Innovatorinnen demonstrieren, wie landwirtschaftliche und ländliche Betriebe sozial-ökologisch gestaltet werden können, ohne sich allein auf Wachstum oder rein technische Lösungen zu stützen. Mit ihren unterschiedlichen Ansätzen bilden sie die Bausteine einer sozial-ökologischen Transformation, die Lebens- und Wirtschaftsweisen zukunftsfähig verändert.

Und nun?

Auf Basis der deutschen FLIARA-Fallstudien wurden vier Leitfäden für Entscheidungsträger*innen der Politik formuliert, die thematisch ineinandergreifen:

  • Starke Netzwerke von Frauen bzw. Innovatorinnen bilden den Nährboden für innovative Ideen und Projekte (Leitfaden 1).
  • Neugründungen von landwirtschaftlichen Betrieben oder innovative Sozialunternehmen können entstehen, wenn Frauen Zugang zu (Mikro-)Kapital, Wissen, Qualifizierung und Mentoring haben. Dafür braucht es Förderprogramme, die sich speziell an Frauen in ländlichen Räumen richten (Leitfaden 2).
  • Um eine breite Wirkung zu entfalten, brauchen Innovatorinnen Schlüsselkompetenzen, um relevante Zielgruppen und zentrale Interessengruppen sowie politische Entscheidungsträger*innen in ihre Projekte einzubinden (Leitfaden 3).
  • Ergänzt wird dieser Kreislauf der Innovationsförderung durch Leitfaden 4, der die Risiken von Berufsunterbrechungen durch Schwangerschaft und Betreuungsarbeit in den Blick nimmt. Ein wichtiger Faktor für Gründerinnen ist es, den Mutterschutz für Selbstständige im Mutterschutzgesetz rechtlich abzusichern.

Die Empfehlungen überschneiden sich mit denen des Vierten Gleichstellungsberichts, insbesondere in Bezug auf Netzwerkförderung, geschlechtersensible Förderprogramme und geschlechtergerechte Politik rund um Mutterschutz und Erziehungszeiten. Die Politik kann einen großen Beitrag dabei leisten, Frauen Gründungen im ländlichen Raum zu ermöglichen, indem sie die Handlungsempfehlungen umsetzt. Noch haben die Innovatorinnen Erfolg trotz oft schwieriger Bedingungen. Die Gesellschaft kann nur gewinnen, wenn es mehr Unterstützung gibt und somit das gesamte Potenzial freigesetzt werden kann.

Autorinnen

Felicia van Tulder und Dr. Susanne von Münchhausen, Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Fachgebiet Politik und Märkte der Agrar- und Ernährungswirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Projektmitarbeiterinnen im Horizont Europa Projekt FLIARA.

Felicia van Tulder
Dr. Susanne von Münchhausen