Internationale Beispiele für einen geschlechtergerechten grünen Wandel | von Anke Stock

26.01.2026

Wie kann die grüne Transformation geschlechtergerecht gelingen? Eine Sammlung guter Beispiele des European Institute for Gender Equality aus zehn Ländern der Europäischen Union zeigt, dass Geschlechtergerechtigkeit eine entscheidende Voraussetzung für den nachhaltigen Wandel ist. Die drei europäischen Initiativen Spaniens Strategie für eine gerechte Transformation, Schwedens Akademie für Gleichstellung in der Landwirtschaft und das EU-Projekt W4RES illustrieren, wie Gleichstellungspolitik und Nachhaltigkeit, insbesondere Klimaziele, erfolgreich miteinander verknüpft werden können.

Der Vierte Gleichstellungsbericht der Bundesregierung „Gleichstellung in der sozial-ökologischen Transformation“ zeigt anhand verschiedener Handlungsfelder geschlechterbezogene Folgen des Klimawandels wie auch gleichstellungsrelevante Auswirkungen der Gegenmaßnahmen (Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen) auf. Das European Institute for Gender Equality veröffentlichte 2024 einen Bericht mit dem Titel „Good Practices on gender mainstreaming in the European Green Deal: Towards a more gender equal and greener Europe“. Der Bericht zeigt anhand von zwölf Best-Practice-Beispielen, wie Geschlechtergerechtigkeit in die Politikfelder des European Green Deal integriert werden kann. Im Folgenden werden drei dieser Beispiele vorgestellt, die sich auf Handlungsfelder des Vierten Gleichstellungsberichts beziehen.

Spaniens Strategie für eine gerechte Transformation

Die Strategie Spaniens für eine gerechte Transformation 2020 bis 2024 (La Estrategia de Transición Justa) hat das Ziel, die Auswirkungen der Umstellung auf eine klimafreundliche Wirtschaft gerecht abzufedern. Sie integriert dabei die Grundsätze der Gleichstellung der Geschlechter in den ökologischen Wandel und fällt somit thematisch in die Handlungsfelder Energieerzeugung und Arbeitsmarkt des Vierten Gleichstellungsberichts. Sie hebt Maßnahmen der Energiewende in 15 Gebieten Spaniens hervor, die von der Stilllegung von Kohle- und Kernkraftwerken betroffen sind. Dabei geht es auch darum, Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter umzusetzen, zum Beispiel Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt abzubauen und verschiedene Gruppen zu unterstützen, die mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind.
Die Strategie wird vom spanischen Institut für gerechten Übergang (JTI) geleitet, das dem spanischen Umweltministerium angegliedert ist (MITECO). Finanziert wird sie mit 700 Millionen Euro aus nationalen Haushaltsmitteln, aus dem Programm NextGenerationEU und verschiedenen europäischen Fonds für einen gerechten Übergang.

Aktivitäten
Nach der Strategie müssen in den Zielgebieten zunächst Vereinbarungen für einen gerechten Übergang getroffen werden, die auf die lokalen Gegebenheiten und die Bedürfnisse von Frauen in den betroffenen Sektoren eingehen. Diese beinhalten Vorgaben für öffentliche Ausschreibungen, wie die vorrangige Einstellung von Frauen, die Sammlung und Analyse von gender-sensitiven Indikatoren und nach Geschlecht differenzierten Arbeitsmarktdaten im Bereich der Energiewende. Auch berufliche Bildungsprogramme für Frauen und Unterstützung für Frauen als Unternehmer*innen sowie Bewusstseinsbildung und die Vernetzung verschiedener Interessenvertreter*innen sind wichtige Instrumente. Das Institut für gerechten Übergang unterstützt darüber hinaus Unternehmen und Betriebe finanziell bei der Schaffung von Arbeitsplätzen: So bezuschusste es in den Jahren 2019 bis 2021 mehr als 300 Unternehmen bei der Einrichtung neuer Stellen, wovon 42 Prozent an Frauen gingen.

Gelingensbedingung
Der politische Wille auf nationaler Ebene, Geschlechtergerechtigkeit in die gerechte Transformation zu integrieren, und die Leitung durch eine Institution, die sich dem sozial fairen Wandel verschrieben hat, sind Schlüsselstärken von Spaniens Strategie.

Schwedens Akademie für die Gleichstellung in der Landwirtschaft

Die Schwedische Akademie für Gleichstellung in der Landwirtschaft, die 2009 vom Schwedischen Bauernverband (Lantbrukarnas Riksförbund, LRF) gegründet wurde, ist eine wegweisende, fortlaufende Initiative zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter in der Land- und Forstwirtschaft. Somit ist sie bespielhaft für das Handlungsfeld Landwirtschaft des Vierten Gleichstellungsberichts. Ihre Leitung obliegt der*dem Präsident*in des Bauernverbandes. Ihr Hauptziel ist es, Gleichstellung der Geschlechter in der Land- wie der Forstwirtschaft zu gewährleisten und in dem Zusammenhang auch praktische Reformen anzuregen.

Aktivitäten
Die Prioritäten der Akademie liegen darin, die Sichtbarkeit der Rolle von Frauen und Männern im Agrarsektor zu erhöhen, aktuelle Forschungsergebnisse bereitzustellen und gleiche finanzielle Rechte – insbesondere in Familienunternehmen, wie zum Beispiel auf Bauernhöfen – zu fordern. Zu den wichtigsten Aktivitäten gehören die Erhebung von nach Geschlecht aufgeschlüsselten Daten und die Erstellung geschlechterspezifischer Statistiken sowie die detaillierte Analyse und Präsentation von Gleichstellungsthemen in Berichten. Die Berichte beleuchten Themen wie Zugang zu Finanzmitteln, Wirtschaft, Familie, Führung, Gesundheit und sexuelle Belästigung. Zudem werden Seminare und Diskussionen veranstaltet, um das Bewusstsein und die Debatte über diese Themen unter den Interessengruppen zu fördern.

Die Erhebung und Nutzung der nach Geschlecht aufgeschlüsselten Daten durch die Akademie führte zu einer Reform der offiziellen Agrarstatistik in Schweden, wodurch ein genaueres Bild und eine größere Sichtbarkeit für Landwirt*innen geschaffen wurde. Somit erreichte das Thema auch Entscheidungsträger*innen jenseits des Bauernverbandes, was zu relevanten Reformen führte und allgemein das Interesse an grünem Unternehmertum bei Frauen weckte. Die Akademie verbesserte die Gleichstellung der Geschlechter in den Richtlinien, Strategien und strukturellen Abläufen des Bauernverbandes und legte messbare Ziele für die Gleichstellung der Geschlechter fest.

Gelingensbedingung
Insbesondere die Tatsache, dass die Leitung der Akademie auf höchster Ebene des Bauernverbands lag, hat stark zu deren Wirksamkeit beigetragen und gleichzeitig dafür gesorgt, dass die Gleichstellung der Geschlechter in der gesamten Branche nun als Priorität behandelt wird.

W4RES

Women for market uptake of renewable heating and cooling (W4RES) war ein dreijähriges, länderübergreifendes Projekt im Rahmen des EU-Finanzierungsprogramms Horizon 2020. Das Ziel des Programms war es, die Beteiligung und Führungsrolle von Frauen auf den Märkten für erneuerbare Heizungs- und Kühlungssysteme zu stärken, um so eine geschlechtergerechtere Energiewende voranzutreiben. Dies ist wiederum ein Beispiel für die Handlungsfelder Arbeitsmarkt und Energieerzeugung. Das Projekt reagierte auf den hohen Anteil, den Heizen und Kühlen am Endenergieverbrauch der EU (50 Prozent) hat. Dabei spielte die anhaltende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und das fast vollständige Fehlen von Gleichstellungsperspektiven und nach Geschlecht aufgeschlüsselten Daten in der Energiepolitik eine wesentliche Rolle.

Aktivitäten
Ziel von W4RES war es, Frauen entlang der gesamten erneuerbaren Heizungs- und Kühlungs-Wertschöpfungskette (als Unternehmer*innen, Expert*innen, Prosument*innen und Entscheidungsträger*innen) stärker zu beteiligen und gleichzeitig nachhaltige Heizungs- und Kühlungssysteme in acht europäischen Ländern schneller einzuführen.

Im Projekt wurden systematisch mehrere Instrumente des Gender-Mainstreamings eingesetzt. So wurden Daten nach Geschlecht aufgeschlüsselt, Genderanalysen angefertigt, Trainings zur Gleichstellung der Geschlechter und Kapazitätsaufbau sowie zur Sensibilisierung für Genderfragen in der Energiewende umgesetzt. Ein zentraler Gedanke war, die Sichtweise auf Frauen bzw. auf die ihnen zugewiesene Rolle von passiven Konsument*innen zu wichtigen Akteur*innen bei Konzeption, Planung, Finanzierung und Betrieb von erneuerbaren Heizungs- und Kühlungssystemen zu verändern. Diese Perspektive kann genutzt werden, um Politik und Geschäftsmodelle inklusiver zu gestalten.

Zunächst wurden Analysen zu Markt- und Rahmenbedingungen erstellt, um Hindernisse und förderliche Bedingungen zu identifizieren, wie Frauen besser beteiligt werden und erneuerbare Heizungs- und Kühlungssysteme besser eingesetzt werden können. Die Daten zeigten, dass Frauen in technischen Kernfunktionen unterrepräsentiert waren und weibliche Führungskräfte häufiger entlassen wurden. 56 von Frauen geleitete erneuerbare Heizungs- und Kühlungsprojekte erhielten gezielte Unterstützung und bei 30 Organisationen wurden Gender-Audits durchgeführt, kombiniert mit der Entwicklung eines Gender-Aktionsplans.

Im Rahmen eines Programms zum Kapazitätsaufbau wurden Akteure aus dem Privatsektor und anderen Bereichen der Energiewirtschaft zu den Themen Frauenförderung und Gleichstellung der Geschlechter im Bereich erneuerbare Heizungs- und Kühlungssysteme geschult. Die Ergebnisse sind so konzipiert, dass sie wiederholt werden können. Dafür wurden ein Toolkit zum Kapazitätsaufbau entwickelt und Fallstudien zu Frauen aufbereitet, die die Markteinführung von erneuerbaren Heizungs- und Kühlungssystemen vorantreiben.

Weiterhin wurden eine Beobachtungsstelle für Instrumente und Ressourcen (Observatory) eingerichtet, ein Leitfaden zur Replikation sowie politische Empfehlungen für eine geschlechtergerechte erneuerbare Heizungs- und Kühlungs-Energiepolitik erstellt.

Gelingensbedingung
Für den Erfolg des Projekts war es von großer Bedeutung, dass die intensive qualitative und quantitative Analyse der Situation von Frauen im Energiesektor eine gute Basis an Daten schuf, um gezielt und praxisorientiert vorzugehen.

Fazit

Insgesamt unterstreichen diese Fallbeispiele, dass Geschlechtergerechtigkeit stärker in die jeweiligen Politikbereiche der Handlungsfelder (wie Energieerzeugung, Arbeitsmarkt und Landwirtschaft) integriert werden muss. Von Bedeutung ist dabei, dass die Auswirkung jeder einzelnen Maßnahme und Aktivität für die verschiedenen Geschlechter mitgedacht und beurteilt wird und demgemäß die Maßnahme bzw. Aktivität angepasst wird. Die gezielte Wiederholung des Gleichstellungsziels an verschiedenen Stellen der Strategie Spaniens für eine gerechte Transformation sowie eine detaillierte Einbindung geschlechtergerechter Maßnahmen in übergeordnete Aktivitäten tragen zur Wirksamkeit bei. Darüber hinaus müssen die existierenden Gender-Instrumente in der Politik häufiger angewendet werden, um politische Rahmenbedingungen zu bestimmen.

Wichtig ist aber besonders der politische Wille zu Gleichstellungspolitik. Dabei ist es von Nutzen, gleichstellungspolitische Maßnahmen an eine übergreifende und leitende Stelle anzugliedern. Die sozial-ökologische Transformation sollte als Chance für strukturelle Veränderungen, auch hinsichtlich der Gleichstellung genutzt werden.

Autorin

Dr. Anke Stock ist Juristin und leitet als langjährige Genderexpertin bei Women Engage for a Common Future e. V.  das Gender Department, zugleich ist sie auch Vorstandsmitglied bei WECF e. V. und dem Europäischen Umweltbüro EEB.